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Wege zu einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur. Leitbild für eine zukunftsfähige Lebensmittelerzeugung, -verarbeitung und –vermarktung
von Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald
- Das Leitbild ist in der Tat ein Beitrag für eine Standortsicherungsoffensive zugunsten des Agrar- und Ernährungsstandortes Deutschland. 4.3 Millionen Menschen in Deutschland sind im Agro- und Ernährungsbusiness tätig (11.1% der Erwerbstätigen) und – in Deutschland – es könnten mehr werden, mit allen positiven Konsequenzen für den Erhalt und die Entwicklung von Berufsfeldern, von Ausbildungsplätzen und Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung.
1997 hat die Schweisfurth-Stiftung in einer Studie zeigen können, dass allein durch die Erweiterung des ökologischen Anbaus ein nennenswertes neues Potential an Arbeit erschlossen wird.
Und wenn wir auf eine Branche wie das Fleischhandwerk blicken, so sehen wir hier, dass es etwa 30 TSD Fleischer-Fachgeschäfte gibt und 184.2000 Beschäftigte inkl. 20.500 Auszubildende sowie einen Marktanteil von 47 Prozent des gesamten Fleischwarenumsatzes. Im Bereich des Bäckerhandwerks haben wir einen ähnlich hohen Marktanteil, der durch handwerkliche Tätigkeit entsteht. Deshalb haben wir auch immer wieder diesen Aspekt einer zukunftsfähigen Entwicklung auf und mit dem Lande herausgestellt: Eine ökologische Modernisierung führt Arbeit und Umwelt zusammen, auch und gerade in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die machbare Steigerung der Öko-Effizienz in den Betrieben führt zu einer Kostenentlastung bei den Unternehmen und einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, die wiederum der Expansion in Richtung von neuen Arbeitsplätzen dienen kann.
- Ein zweiter Schwerpunkt des Leitbildes stellt die nachhaltige Regionalentwicklung dar. Im Mittelpunkt einer Politik nachhaltiger Regionalentwicklung steht für uns der Umbau und Rückbau bestehender zentralistischer, industrieller Aggregationen. Großschlachthäuser, Großmolkereien, Großbäckereien haben sich nicht immer als marktfähig erwiesen. Sie haben Arbeit vernichtet, Regionen ausbluten lassen. So braucht es am Anfang des 21. Jahrhunderts eine ergänzende, neue, regionale Wirtschaft.
Wenn eine nachhaltige Regionalentwicklung einen neuen Motor bekommen soll, so setzt sich dieser aus einer Netzwerkökonomie von Bauern, handwerklichen Be- und Verarbeitern und regionalen Vermarktern von Lebens-Mitteln zusammen; eine Netzwerkökonomie mit multifunktionalen Wertschöpfungspotentialen:
Diese liegen in den Bereichen: - Energie und nachwachsende Rohstoffe - Entsorgung - Tourismus - Gesundheit - Bildung - Technologieentwickluß
Besonders möchte ich hier auf die energiewirtschaftlichen Potentiale einer regionalen Kreislaufwirtschaft eingehen:
Die Agrar- und Ernährungswirtschaft kann durch die Steigerung ihrer Energieeffizienz um das Zehnfache zu einer signifikanten Klimaentlastung beitragen. Sie kann dadurch eine weitgehende Umstellung von fossilen oder atomaren Energieträgern auf nachwachsende Rohstoffe bewirken. Eine besondere Rolle spielt dabei im ländlichen Raum die Nutzung der Energieressourcen aus Biomasse. Zur Biomasse gehören auch totes organisches Material und andere Stoffe, die für die Erzeugung von Lebensmitteln für die menschliche Ernährung nicht brauchbar sind und auch als Tierfutter nicht einfach weiter verwendet werden können. Sie können dezentralisiert, möglichst am Ort ihres Anfalles, mit verfügbarer, miniaturisierter Technik sterilisiert und in Biogasanlagen fermentiert werden.
Auf diese Art und Weise werden aus Abfällen Strom, Wärme und ein hochwertiger Dünger erzeugt. Das, was von verendetem Leben übrig bleibt, wird dem Boden wieder zurückgegeben und folgt somit einem Grundgesetz der Natur.
Erst die Nutzung erneuerbarer statt fossiler Energien – heute, im Unterschied zur traditionellen Landwirtschaft, mit Hilfe moderner Umwandlungstechniken – macht eine nachhaltige Regionalentwicklung vollständig. Indem die Landwirtschaft dabei eigene Energieernten und Reststoffe nutzt, schließt sie ihren ökologischen Kreislauf. Dabei erweitern nachwachsende Rohstoffe in Form von Pflanzenöl, Biogas und Bioalkohol für Treibstoffe oder Wind für elektrische Energie die Produktpalette und helfen, neue Arbeitsplätze jenseits des Lebensmittelsektors zu erschließen.
- Schließlich ein Blick auf das Bild, das uns für die im Leitbild umrissenen Perspektiven Orientierung gab. Wir haben in der Analyse der Moderne, des gängigen Konsum- und Lebensstils von uns selbst und der Mehrheit unserer Mitbürger festgestellt, dass hier eines mehr und mehr gesucht wird: Nähe
Nähe schafft Sicherheit, Nähe schafft Überschaubarkeit und Transparenz, Nähe schafft Zurechenbarkeit und Verantwortung bezüglich der Qualität von Produkten und Dienstleistungen, Nähe ist etwas ganz Natürliches, Vertrautes, das Vertrauen herstellt und erhält. Um Nähe zu erleben, braucht es keine langen Wege: im Gegenteil, kurze Wege sind, was die Reproduktion des Alltags gerade mit Lebens-Mitteln und Kurz-Erholung angeht, das Entscheidende.
So ist das Kernbild einer zukunftsweisenden, nachhaltigen Regionalentwicklung rund um agrar- und ernährungswirtschaftliches Unternehmen entstanden:
Wir reden von einem "Leitbild der Ökologie der kurzen Wege" und gehen davon aus, dass durch die von uns umrissenen und für machbar gehaltenen politisch-strukturellen Veränderung, eine neue Lebens- wie Lebensmittelqualität ganzheitlicher Art entsteht.
Diese wird von fünf Wertschöpfungsfeldern bestimmt:
Dabei integriert der Kulturwert unseren ganzen Ansatz. "Wege zu einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur" ist der Titel unseres Leitbildes. Gerade deshalb, weil wir daran glauben, dass es vor allem in Europa neben den Bemühungen um Biodiversität einer Anstrengung bedarf, kulturelle Identität durch kulturelle Diversität zu schaffen.
Europa - und das zeigt der Blick auf die Vielzahl von regionalen Subkulturen des Essens und Trinkens, die nirgends sonst auf der Welt so profiliert sind, - Europa lebt von seiner kulturellen Pluralität. Diesen Reichtum zu erhalten und zu mehren, soll das Leitbild bewirken. Um die Umsetzung zu befördern, haben wir im Schlussteil des Textes sechs Forderungen formuliert. Sie dienen dazu, die Kernaussagen zu einer zukunftsfähigen Regionalentwicklung rund um an Agrar- und Ernährungskultur in politische Arbeit zu operationalisieren.
Diese Forderungen kreisen um die Verwirklichung von sieben Prinzipien:
- Nachhaltigkeit - Naturnahe, mittlere Technologien - Das Prinzip Verantwortung - Verbindung von Regionalentwicklung und Globalisierung - effizientes Wirtschaften - Gesundheit - Marktfähigkeit - Multifunktionalität

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