Home  |   Suche  |   Sitemap  |   Impressum  |   Kontakt  |   English Version
Willkommen bei der Schweisfurth-Stiftung
   
Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende
Offizielles Projekt der UN-Weltdekade
Essay1: Agrarkultur und Ökologischer Wohlstand

Bei der derzeitigen Debatte um ein neues Wohlstandsverständnis wird die Landwirtschaft und das Leben auf dem Land weitgehend außer acht gelassen. Gewiss kein Zufall, denn überall lässt sich beobachten, dass das Land als eigenständiger Lebensbereich und Wirtschaftsraum immer stärker aus dem Blick gerät.

 

Landwirtschaft geht jedoch uns alle an, denn wir alle leben von den Früchten des Landes. Gleichwohl ist in der heutigen, urban geprägten Gesellschaft der Bezug zum Land und seinen Produkten weitgehend verlorengegangen. Obwohl "lebens-notwendig", ist die Landwirtschaft den meisten gleichgültig.

 

Warum sollte es auch anders sein? Nur noch drei Prozent der Bevölkerung arbeiten auf dem Land. Und der Anteil der Landwirtschaft an der gesamten Bruttowertschöpfung unserer Wirtschaft nähert sich mit derzeit 1,1 Prozent der Nachweisgrenze.

 

Dennoch werden die genannten Zahlen der eigentlichen Bedeutung von Landwirtschaft und Ernährung nicht gerecht. Denn die besagten 1,1 Prozent Bruttowertschöpfung werden immerhin auf über 50 Prozent der Gesamtfläche unseres Landes erwirtschaftet: Landwirtschaft ist und bleibt unübersehbar. Ferner ist sie - richtig betrachtet - zu 100 Prozent Voraussetzung einer jeden Wertschöpfung in unserer Gesellschaft: Mögen wir uns noch so sehr als postindustrielle Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft definieren - leben tun wir immer noch von der Landwirtschaft und ihren Produkten: den Lebensmitteln.

 

Gründe genug also, in der Kulturdebatte, die mit der Suche nach einem neuen Wohlstandsmodell einhergeht, auch der Agrar-Kultur den ihr gebührenden Platz einzuräumen. Gehört nicht zu einem umfassenden Verständnis von Wohlstand auch der Erhalt einer "Kultur-Landschaft": eine Landschaft, in der man sich gerne aufhält und in der man gerne arbeitet!? Gehören nicht zu einem "guten Leben" gute Lebens-Mittel, die uns gut tun, weil sie gesund sind, wohl schmecken, und die man mit guten Gewissen zu sich nehmen kann, weil sie so etwas wie eine "ethische Qualität" besitzen (Stichwort: Tierhaltung). Ist es nicht ein halbierter Wohlstand, wenn wir meinen, von all dem abstrahieren zu können?

 

Es soll uns aber nicht nur um den Erhalt von all dem gehen, was wir an Agrar-Kultur wertzuschätzen verlernt haben. Es könnte nämlich sein, dass gerade vom Land neue Denkanstöße ausgehen und sich gerade dort Modelle finden lassen, wie eine Erneuerung der Gesamtgesellschaft in Richtung einer nachhaltigen, natur- und sozialverträglicheren Lebens- und Wirtschaftsweise aussehen könnte.

 

Denn "Nachhaltigkeit" - eine Forderung, die die Industrie- und Konsumgesellschaft erst mühsam zu buchstabieren lernt - gehört von jeher zum Kern einer ökologischen Agrar-Kultur. Sie ist ihr nicht wesensfremd, sondern geradezu die Grundlage ihrer Produktivität.

 

Diese Form einer nachhaltigen Landbewirtschaftung, die vor allem im Bereich des ökologischen Landbaus seit Jahren mit Erfolg praktiziert wird, zeichnet sich unter anderem durch folgende Merkmale aus:

 

Ökologische Merkmale

Umweltverträgliche Bewirtschaftung
Reinhaltung des Wassers und der Luft
Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit
Naturgemäße Pflanzen- und Tierzucht
Artgemäße Tierhaltung
Verantwortungsbewußter Umgang mit erneuerbaren und nicht erneuerbaren Ressourcen
Verwendung umweltfreundlicher Energieformen

 

Gesundheitliche Merkmale

Erzeugung natürlicher, gesundheitsfördernder Produkte für die Herstellung von Lebens-Mitteln mit hoher Qualität
Erhalt und Verbesserung des ländlichen Bereichs als Lebensraum und Erholungslandschaft

 

Marktstrategische Merkmale

Neue Wege der Be- und Verarbeitung sowie der möglichst verbrauchernahen Vermarktung bei regionaler Orientierung und Kooperation

 

Soziale Merkmale

Sinnerfülltes Zusammenleben und Zusammenwirken der Menschen im Betrieb, deren soziale Absicherung sowie Integration von Benachteiligten
Erhalt und Verbesserung des ländlichen Raums als Kulturraum

 

Pädagogische Merkmale

Initiativen zur Umwelterziehung
Weitergabe ökologischen Wissens
Nutzen der verschiedenen Bildungspotentiale des Lebens und Wirtschaftens auf dem Land

 

Ästhetische Merkmale

Verbindung des Nützlichen mit dem Schönen bei der Gestaltung von Haus, Hof und Produktionsanlagen

 

Ethische Merkmale

Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur
Sicherung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen

 

Diese Landwirtschaft versteht sich als Agrar-Kultur. Sie ist sich neben den ökonomischen Aufgaben auch ihrer ökologischen und sozialen Verantwortung bewusst. Sie bietet den in der Landwirtschaft tätigen Menschen eine sinnvolle Arbeit sowie eine dauerhafte wirtschaftliche Grundlage und produziert für die Gesellschaft gesunde Lebensmittel mit hoher ökologischer und ethischer Qualität. Sie arbeitet mit der Natur, nicht gegen die Natur und hilft so, die Grundlagen für das Leben auf der Erde nachhaltig zu sichern.

 

Seit ihrer Gründung ist es daher der Schweisfurth-Stiftung ein Anliegen, die Bedeutung einer ökologischen Agrar-Kultur für die Gesamtgesellschaft herauszustellen und diejenigen zu fördern, die an der konkreten Umsetzung eines solchen Leitbildes arbeiten. So wurde seit 1989 alle zwei Jahre der "Agrar-Kultur-Preis zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft" ausgeschrieben, mit dem landwirtschaftliche Betriebe oder Gemeinschaften in Deutschland prämiert werden, deren agrar-kulturelle Gesamtleistung dem oben beschriebenen Leitbild am nächsten kommt. Ausgezeichnet werden damit praktikable und praktizierte Modelle, die als Vorbilder für einen anderen, verantwortbaren Umgang mit unserer natürlichen und sozialen Mitwelt dienen können.

 

Neben dem Agrar-Kultur-Preis, der bislang einen Focus der Stiftungsarbeit in diesem Themenfeld gewesen ist, zeichnen sich neue Akzentuierungen und zukünftige Arbeitsschwerpunkte ab.

 

Zum einen ist deutlich geworden, dass einzelbetriebliche Lösungen eingebettet sein müssen in ein Gesamtkonzept regionaler Entwicklung, damit sie auch langfristig sozial und ökonomisch tragfähig sind und "Schule machen". Die Stiftung wird daher in Zukunft verstärkt konzeptionell an der Weiterentwicklung des Leitbildes einer eigenständigen, ökologischen Regionalentwicklung und seiner Umsetzung arbeiten und insbesondere den Erfahrungsaustausch der verschiedenen Beteiligten auf nationaler und europäischer Ebene fördern.

 

Ferner bedarf es - über den ökologischen Landbau als ein besonders umweltschonendes Anbauverfahren hinaus - der verstärkten Integration der Landwirtschaft in ein Gesamtkonzept einer ökologischen Lebensmittelwirtschaft, in der die Bereiche Produktion, Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse enger verzahnt sind als es bislang der Fall ist. Auf diesem Feld arbeitet die Stiftung mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten in der Nähe von München zusammen, einem Pilotprojekt für eine neue, ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft, das von Karl Ludwig Schweisfurth in den vergangenen zehn Jahren parallel zur Stiftung aufgebaut wurde.

 

Schließlich bedarf es für die Wiederbelebung des ländlichen Raumes einer Intensivierung des Stadt-Land-Dialoges. Beide - Stadt und Land - leben zwar voneinander, reden aber nicht miteinander. Es scheint, als habe man sich nichts zu sagen, als hätte man nichts miteinander zu tun. Diese Ignoranz gilt für beide Seiten, jedoch nicht zu gleichen Teilen. So ist es vor allem das urbane Leben, das - nicht zuletzt über die Medien - den gesellschaftlichen "Fortschritt" für sich reklamiert und andere Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens, wie man sie auf dem Land "noch" findet, zunehmend an den Rand drängt und für das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft als bedeutungslos erscheinen läßt.

 

In dem geforderten Stadt-Land-Dialog ist daher vor allem die Bevölkerung in den Städten angesprochen, die das Bewußtsein für die verschiedenen Formen der Wertschöpfung auf dem Land - von den Lebensmitteln bis hin zur Kulturlandschaft - weitgehend verloren hat. Dieses Bewusstsein gilt es durch entsprechende Bildungsarbeit zu wecken und zu stärken: Das Land ist auf die Wertschätzung der Städter angewiesen, wie umgekehrt die Stadt auf die Wertschöpfungen des Landes.

 

Die verschiedenen Aktivitäten der Stiftung im Förderfeld Agrar-Kultur richten sich somit an die gesamte Gesellschaft. Die über Jahrzehnte ins gesellschaftliche Abseits gedrängte Landwirtschaft muss mit ihren unverzichtbaren (Kultur-)Leistungen wieder stärker in das Bewusstsein aller integriert sein. Hierzu bedarf es neuer Allianzen: zwischen Bauern und Verbrauchern, zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft und generell zwischen der Kultur der Städte und der Kultur des Landes. Ob die Vision eines ökologisch und sozial verträglichen Wohlstands schrittweise Realität wird, hängt nicht zuletzt vom Gelingen der Integration dieser beiden Kulturen ab.

 

 


Druckversion 


Agrarkultur und Ökologischer Wohlstand
Leitbild Agrar- und Ernährungskultur
Buchreihe Agrarkultur im 21. Jahrhundert
European Network for Eco Agro-Culture (ENEAC)
Stiftungsaktivitäten
Literatur zum Thema

    Nach oben